Mit 78 Jahren Tandem fahren

Er sprĂŒht vor Elan. Wie bei allen bisherigen Touren radelt er wieder mit – auf dem Tandem zusammen mit Gerhard Voggenreither. Der 59-JĂ€hrige ist seit 2004 sein Pilot. Horst Schwerger leidet an einer genetisch bedingten Netzhautdegeneration und ist inzwischen blind.

Die zehnte Euro-Tandem-Tour soll die letzte sein, die er organisiert, versichert Horst Schwerger aus Neuhausen. „Jetzt bin ich 78“, sagt er zur BegrĂŒndung. Sein Alter sieht man dem sportlichen und umtriebigen Senior nicht an. Mit den Rad- Touren, bei denen immer Sehbehinderte oder Blinde zusammen mit Sehenden auf dem Tandem fahren, will er seit 1998 auf diese nach wie vor unheilbare Augenkrankheit aufmerksam machen, aber auch beweisen, dass Menschen mit Behinderung am sozialen Leben teilnehmen können.

Die Tour startete am 29. August in TĂŒbingen und endet am 7. September in Esslingen. Die 1010 Kilometer lange Strecke ist in zehn Etappen unterteilt und fĂŒhrt durch Frankreich, die Schweiz, Österreich und SĂŒddeutschland. 18 Tandem- Teams haben sich angemeldet sowie sieben Einzelradler. FĂŒnf Begleitfahrzeuge vervollstĂ€ndigen den Tross. Die weiteste Anreise haben Teilnehmer aus Finnland. â€žEin wahrer Freund und Helfer“ Zur Vorbereitung hat das Gespann Schwerger/Voggenreither bereits drei einwöchige Trainingslager absolviert: im AllgĂ€u, im Odenwald und an der Mosel. Der 78-JĂ€hrige trainiert zudem tĂ€glich eine halbe Stunde auf dem Rad und schwimmt morgens und abends 500 Meter. Sein Partner brauche kein spezielles Training, der sei quasi Leistungssportler, fahre mehrere Radmarathons im Jahr. Dass Gerhard Voggenreither fĂŒr die Trainingslager und die Tour fast seinen kompletten Jahresurlaub verwendet, „ist ihm nicht hoch genug anzurechnen“, sagt Horst Schwerger. „Es ist ja auch mein Hobby“, entgegnet der 59-JĂ€hrige. An der Tour reize ihn, dass man mit dem Tandem so weite Strecken zurĂŒcklegen könne, „und es auch noch etwas Soziales ist“, dass er anderen helfen könne. Ihn beeindruckt auch, dass die Blinden „so eine positive Lebenseinstellung haben“. Gerhard Voggenreither ist Polizeibeamter. „Ein wahrer Freund und Helfer“, sagt Maren Schwerger.
Sie leidet wie ihr Vater an der Makuladegeneration. Ihre SehfĂ€higkeit ist eingeschrĂ€nkt, sie hat aber noch eine gewisse SehfĂ€higkeit. „Gerd ist so ein Ruhepol, er strahlt die Ruhe aus, die wir brauchen.“ Er kĂŒmmere sich nicht nur um ihren Vater, sondern auch um die anderen Teilnehmer. Maren Schwerger ist vor zwei Jahren zum ersten Mal im Begleitfahrzeug mitgefahren. Dieses Mal wird sie erneut das Tour-Tagebuch schreiben.
Ihr gefÀllt das harmonische Miteinander bei der Tandem-Tour


Gemeinsam

Mit seinen Touren wirbt Horst Schwerger fĂŒr ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung. „Gemeinsam eigenstĂ€ndig sein“ lautet das Motto der Euro-Tandem-Tour.


Wenn er in den Etappenorten in die RathĂ€user eingeladen wird, versucht Horst Schwerger den BĂŒrgermeistern zu vermitteln, dass auch die öffentlichen Hand profitiert, wenn Behinderte die Chance erhalten, einen Beruf auszuĂŒben. „Ihr spart euch dann die Sozialabgaben“, sage er den Rathauschefs. Erfreut hat Maren Schwerger vermerkt, wie positiv die Behörden auch in anderen LĂ€ndern reagiert haben, wenn sie wegen der Tandem- Tour kontaktiert wurden – trotz des damit verbunden Aufwandes. Weil der Tour-Tross um die 150 Meter lang ist, benötigt er immer eine Begleitung durch die Polizei. Es sei wichtig, dass die Teilnehmer immer geschlossen ĂŒber Kreuzungen kommen, hebt Horst Schwerger hervor. Bisher habe das immer hervorragend geklappt. Gerhard Voggenreither ist nach wie vor fasziniert, wie die französischen Kollegen den Tross im dichtesten Feierabendverkehr geschlossen durch Straßburg geschleust haben.


„Die Betreuer haben die SensibilitĂ€t dafĂŒr entwickelt, was es heißt, blind zu sein.“ Im Alltag erlebt sie hĂ€ufig, dass Menschen BerĂŒhrungs.ngste haben, wenn jemand eine Behinderung hat. Viele hĂ€tten Hemmungen, auf Menschen mit Behinderung zuzugehen. Doch fĂŒr die sei es wichtig, raus zu gehen und am Leben teilzunehmen. Generell hĂ€lt sie es fĂŒr notwendig, dass die Leute sehen, „was Behinderung bedeutet, dass die EinschrĂ€nkungen gar nicht so groß sind. Deshalb sind die Inklusionsprojekte so wichtig und schon Kinder zusammen kommen.“


An Netzhauterkrankungen leiden weltweit zwischen 25 und 30 Millionen Menschen. Noch gibt es keine Therapien und Heilungschancen fĂŒr diese Augenkrankheiten, wohl aber unterstĂŒtzungswerte ForschungsansĂ€tze und begrĂŒndete Hoffnungen auf Heilungsverfahren. Bei den Tandem- Touren fĂ€hrt immer ein Informationsbus mit, der in den Etappenorten ĂŒber die Erkrankung, den Stand der Forschung sowie die Selbsthilfeorganisation Pro Retina informiert. Ein weiteres Anliegen von Horst Schwerger ist, fĂŒr die europĂ€ische Idee zu werben.

Ein Artikel aus der Esslinger Zeitung 2016 https://www.classicreader.com/book/1398/1/