Ein Gefühl von Freiheit

Der gelbe Tross biegt zielstrebig um die Ecke. Geschafft und glücklich kommen die 13 Tandem-Räder mit dem restlichen Team am Alten Rathaus in Esslingen an. Die Sportlerinnen und Sportler liegen sich in den Armen, Fotos werden geknipst, der Sekt wird geöffnet. 800 Kilometer Strecke liegen hinter den Radlern. Sie sind dabei nicht nur von sportlichem Ehrgeiz gepackt: Die „Euro Tandem Tour“ will ein Bewusstsein für Netzhaut-Erkrankungen in der Gesellschaft schaffen. Eine sehbehinderte Person fährt dabei mit einem Piloten auf einem Tandem-Fahrrad. Das Fehlen des Visuellen stört dabei niemanden. Maren Schwerger erklärt: „Man kann so viel über Gerüche wahrnehmen.“

Sie ist die Tochter von Horst Schwerger, dem Gründer der HEM-Schwerger-Stiftung in Neuhausen. Er organisiert die Touren seit mehr als 20 Jahren. Seine Tochter Maren leidet an Retinitis pigmentosa, einer genetisch bedingten Netzhaut-Erkrankung. „Aber das Gehirn erzeugt Bilder“, sagt Schwerger. Muhende Kühe, wiehernde Pferde, der duftende Dill am Wegesrand – all das nimmt sie wahr.



Aus der Euro-Tour wurde dieses Jahr eine Ländle-Tour. Das Motto: „Europa der Regionen“ . Von Stuttgart über Tübingen nach Rottweil schafften die Teilnehmer in der ersten Etappe knapp 111 Kilometer. Stets dabei: der „Informationsbus“. Damit will das Team der Tandem-Tour die Bevölkerung über Krankheiten der Netzhaut und deren Folgen aufklären. Denn die Beeinträchtigungen sind unterschiedlich. Bei vielen Netzhaut-Degenerationen, so der Fachjargon, schwindet die Sehkraft mit der Zeit. Betroffene können – je nach Verlauf und Alter – noch Texte lesen oder sich grob orientieren. Um Menschen mit diesen Erkrankungen Teilhabe im Alltag zu ermöglichen, braucht es eine inklusive Gesellschaft, sagt Andrea Lindlohr (Grüne), Landtagsabgeordnete im Wahlkreis Esslingen: „Inklusion ist noch nicht da. Daher müssen wir Schritt für Schritt das öffentliche Leben so gestalten, dass alle Menschen daran teilhaben können“.

Die Radel-Partner müssen einander vertrauen können. Der Pilot vorne hat das Kommando, dessen Partner mit Sehschwäche hinten hilft beim Strampeln. Und Maren Schwerger erzählt begeistert: „Es ist ein interessantes Gefühl von Freiheit.“ Das Vertrauen in die andere Person, die ganze Gruppe, auch in die eigenen Fähigkeiten – all das macht die Tandem-Tour zu einem Erlebnis für die Radelnden.

Etwa drei Wochen vorher fangen die Sportfreaks mit dem Training an – die Vorbereitungen für die Tour dauern allerdings ein ganzes Jahr. Der „grauen Eminenz“ Horst Schwerger sieht man sein Alter nicht an. Auch mit 82 Jahren schwingt er sich auf den Drahtesel: „Ich fahre noch so schnell wie alle anderen.“

Die Anstrengung dient schließlich einer guten Sache: Schwergers Stiftung fördert die Forschung im medizinischen Bereich. So könnten vielversprechende Therapien oder sogar eine Heilung eines Tages Realität werden.

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