Montag, 4. Juni 2012, 9. Etappe, 109 km, 1187 Höhenmeter
León - Valverde de la Virgen - Astorga - Ponferrada

Kurz vor dem Ende von Léon werden wir freudig von einem MTB-Fahrerteam in schwarz-weiß karierten Trikots begrüßt, die wir immer wieder treffen. Am Ortseingang von Ponferrada stehen sie wieder links und müssen die Abfahrt kurz vor uns genommen haben, denn wir werden mit sportlichem Siegerjubel begrüßt.
Doch nun zurück.
Es rollt auf der Ebene gemütlich dahin. Wir treffen einige trainierende Rennradler, die uns entgegen kommen. Das war auch schon in den letzten Tagen so gewesen.




Wir biegen dann wieder von der Straße ab und gelangen auf eine wunderschöne Landstraße mit Ginsterwäldern und anderen gut duftenden Kräutern, Blumen, die uns zu einem pittoresken Dorf führen, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Mit letzter Konzentration, um Stürze zu vermeiden, quälen wir uns über den aus runden und eckigen Natursteinen gepflasterten Weg.
Die Häuser sind aus dem gleichen Material gebaut und bilden eine verwinkelte, nicht mehr oft zu sehende harmonische Einheit. Wir treten in unser Restaurant ein, um dort zu Mittag zu essen. Auf jedem Quadratzentimeter Wand, Fußboden oder Decke sind alle möglichen Gegenstände in liebevollen und skurrilen Arrangements aus dem dörflichen Leben zu finden. Im Patio des Restaurants ist ein altes Fahrrad an die Wand gedübelt. An einer anderen Wand steht ein hölzerner Pferdeschlitten. Einige von uns nahmen das Dorf unter die Füße und entdeckten einige hundert Meter weiter einen genauso skurrilen Laden, der hauptsächlich Kichererbsen verkauft.




Am Cruz de Ferro angekommen -einem wichtigen Zwischenziel des Camino- steigen wir glücklich und stolz von unseren Rädern, holen den mitgebrachten Stein aus den Trikots und besteigen den kleinen Hügel, der schon voller großer und kleiner Steine ist.

Einige Steine sind mit Inschriften versehen oder bemalt. In der Mitte des Hügels ragt ein mehrere Meter hohes Holzkreuz auf. An das Kreuz sind Wünsche und persönliche Sachen angeheftet.

Gerhard und Horst kurz vor dem Start.
Zur Pause gibt es statt Sekt saftige Wassermelonen und Honigmelonen als Belohnung.
Ab und zu ist ein kurzer Blick nach links mit Blick auf die imposanten Bergzüge möglich, es soll auch einen See geben.
Dann ein Höllenritt auf einer schmalen, kurvigen und holprigen Abfahrt, der hohes fahrerisches Können abverlangt. In einer Spitzkehre warnt uns die Polizei vor der Ortseinfahrt mit engen Gassen, rutschigem Natursteinpflaster und Sand.
Unsere Abfahrt wird jäh abgebremst durch eine Schafherde, die langsam und unentschlossen die Straße quert. Wir legen eine starke Bremsung hin, schicken ein Gebet nach oben und queren den schmalen Spalt zwischen uns und den Schafen. Die Schafe haben wohl selten heranbrausende Tandems gesehen, bleiben aber Gott sei Dank stehen und lassen uns durch.
Bei der Abfahrt haben wir an einer anderen Stelle auch viel Glück, denn dort stehen rechts am Straßenrand Pilger, die Fotos schießen.
Es gibt noch einige Zickzackkurven und Serpentinen, die nie aufhören wollten, bald musste man doch mal unten sein.
Während wir die Abfahrt ohne Polizeischutz und Geschwindigkeitskontrolle erleben dürfen, werden wir von nun an wieder mit großem Polizeiaufgebot geschickt durch den Feierabendverkehr zum Hotel nach Ponferrada begleitet.

Unsere Fahrräder ruhen sich in der Disco aus den Siebzigern aus. Die Fahrer und Beifahrer gestalten den Abend individuell. Einige haben die Burg besichtigt.
Fahrzeit: 05:42:50 Stunden
Achtung: Die Route ist für Fahrradfahrer nicht durchgehend befahrbar, da Autobahnen und Schnellstraßen benutzt wurden. Die Tandems wurden auf der gesamten Tour von der deutschen, französchen oder der spanischen Polizei begleitet.
Dienstag, 5. Juni 2012, 10. Etappe, 100 km, 1454 Höhenmeter
Ponferrada - Villafranca del Bierzo - Pedrafita do Cebreiro - Sarria
Zur Erinnerung das Motto von Toni, auch „Der Greifer“ genannt: „Die Arbeit beginnt um sieben Uhr, danach ist alles Abenteuer“


Ein Schnappschuss im "Vorbeiflug". Stellvertretend für fast alle Dörfer der Tour – hier ein Blick auf eine Hauswand, Fensterläden auf Holz und einem alten blühenden Rosenstock davor


Toni hatte seinen erfolgreichsten Tag der Tour zu verzeichnen und konnte jede Menge Tandems und Fahrer einsammeln. Der Besenwagen war komplett ausgebucht. Ein Tribut an den Berg.








Achtung: Die Route ist für Fahrradfahrer nicht durchgehend befahrbar, da Autobahnen und Schnellstraßen benutzt wurden. Die Tandems wurden auf der gesamten Tour von der deutschen, französchen oder der spanischen Polizei begleitet.
Mittwoch, 6. Juni 2012, 11. Etappe,84 km, 1506 Höhenmeter
Sarria - Portomarin - Palas dei Rei - Melide - Arzúa











Durchschnittsgeschwindigkeit: 18,34 km/h
Maximale Geschwindigkeit: 72,45 km/h
Maximale Höhe: 733 m Ü. NN.
Fahrzeit: 04:34:30 Stunden
Maximale Steigung: 17 Prozent
Maximales Gefälle: 17 Prozent
Achtung: Die Route ist für Fahrradfahrer nicht durchgehend befahrbar, da Autobahnen und Schnellstraßen benutzt wurden. Die Tandems wurden auf der gesamten Tour von der deutschen, französchen oder der spanischen Polizei begleitet.
Donnertag, 7. Juni 2012, 12. und letzte Etappe, 42 km, 561 Höhenmeter
Arzúa - Saalceda - O Empalme - O Pedrouzo - Santiago de Compostela
„Organisationsbedingt kann die gelbe Gefahr („el peligro amarillo“) ihre mühsam trainierte Ausdauer nicht ausfahren und wird gezwungen, den kompakten Verband unter allen Umständen einzuhalten.“

Der Start wird auch dadurch verzögert, dass es von hinten pfeift und auch von vorne und sich dann das vordere Polizeifahrzeug NICHT in Bewegung setzt. Die Spanier haben sich selbst auch mit Pfeifen versorgt und noch eigene Signale eingeführt, was zur totalen Verwirrung aller Beteiligten geführt hat – mit Ausnahme unseres Tour Managers, wahrscheinlich (smile). Bei einigen Pausen ist es so, dass angepfiffen wird, obwohl noch Einiges an Rädern zu machen ist – verladen oder reparieren – und die Betroffenen dann „NEIN! NO! NO!“ oder so ähnlich schreien.





Wir begeben uns in die imposante dreischiffige Kathedrale. Der Altarbereich ist sehr beeindruckend mit viel Gold aus Mexiko verarbeitet worden. Die Kathedrale ist sehr voll und es ist uns nicht möglich, als geschlossener Block die Messe zu erleben. So gehen wir in Kleingruppen herein. Elisabeth sucht Sandra, Sandra sucht Werner I, die Münchener Truppe stellt sich hinten in der Nähe des Altars auf, Sandra stellt sich auf eine Säule, um von Elisabeth besser gesehen zu werden. Elisabeth findet sie und führt sie geschickt in den Bereich, in dem sich diejenigen aufhalten dürfen, die einen Beitrag zur Messe leisten. Ein Sicherheitsbeauftragter stellt sich wichtig in den Weg und fragt Elisabeth nach der Erlaubnis, in den Bereich vorzudringen. Elisabeth ist nicht in Besitz eines solchen Dokumentes, da die Erlaubnis telefonisch erfolgte. Der die Messe haltende und informierte Priester bemerkt die Situation, gibt ein Handzeichen und der Sesam öffnet sich. Elisabeth darf Sandra zur Bank und an das Mikrofon führen. In diesem Moment, in dem der Priester das Zeichen gibt, ist er gerade dabei, einleitende Worte zu unserem Anliegen zu sprechen. Bereits zu Beginn der Messe hatte er unsere Pilgergruppe auf Spanisch begrüßt.
Sandra fragt Elisabeth, ob sie HIC ET NUNC die Fürbitte verlesen solle, weil sie das Handzeichen nicht erfassen konnte. Elisabeth bejahte und so konnte wenige Sekunden später die Fürbitte verlesen werden.

Der vorgetragene Text auf Spanisch:
„Agradecemos al apóstol Santiago que esa idea que surgió el día que visitamos al Santo Padre en 2008 la hayamos podido realizer. Y hayamos podido llegar todos juntos – gente con discapacidad visual y física junto a los que tenemos la suerte de ver, gente de Alemania, de España y otros países mas lejanos.
Le pedimos ahora al apóstol Santiago que nos bendiga el regreso a cada uno a su país, y que nos apoye en nuestra afán de continuar con esta idea de un tándem solidario traspasando las fronteras entre países y uniendo fuerzas físicas y mentales.”
Die deutsche Übersetzung:
Wir wollen nun den Heiligen Jakobus bitten, dass er unsere Heimkehr segne, die eines jeden in sein Land, und dass er uns in unserem Bestreben unterstützen möge, mit dieser Idee eines solidarischen Tandems weiterzumachen, indem wir Grenzen zwischen Ländern überwinden und physische und geistige Kräfte vereinen.“
In der darauffolgenden Predigt wird das Tandem als Sinnbild für den Pilgerweg verwendet: anzukommen, keine Wettrennen zu veranstalten, gemeinsam als Gruppe den Weg zu bewältigen, Probleme, die sich stellen, gemeinsam zu meistern, die Starken und die Schwachen zusammen zu bringen und in gemeinsamer Stärke den anstrengenden Weg erfolgreich zu bewältigen.
Wir haben also das Ende unserer Pilgertour erreicht und auch unser Anliegen würdig überbringen können.
Etwa zum Schluss wird– das wird nur bei außergewöhnlichen Anlässen getan– das etwa 50 kg schwere Weihrauchfass, das in der Mitte der Vierung von der Kuppel herabhängt, entzündet und von acht starken Ministranten erst einmal im Kreis und dann entlang des Querschiffs in immer weiter werdenden Pendelbewegungen bis fast unter die Decke geschwungen, Weihrauchschwaden verteilten sich in der ganzen Kathedrale.
Nach einem kontrollierten Auspendeln wird das Fass von einem Ministranten mit einem beherzten Griff gestoppt und nach der Beruhigung des Gefäßes an einem Seil in die Höhe gezogen und fixiert. Früher hielten sich die Pilgerscharen in der Kirche auf, schliefen hier, hier wurden auch Kinder geboren. Von daher wurde der Weihrauch zur Desinfektion benutzt. In religiösem Sinne hat es die Funktion der Reinigung der Körper und der Seelen, so dass die Seelen rein zu Gott aufsteigen können.



In Kleingruppen machen wir eine sehr interessante Stadtführung und holten uns den letzten Stempel aus dem Pilgerbüro ab.



Nachdem am gestrigen Abend die Tandems direkt verladen worden waren, brauchen wir uns heute Morgen nur noch um die Abreise zu kümmern. So genießen wir ein letztes Mal in unserer Runde das reichhaltige Frühstücksbuffet des Hotels. Der Bus der spanischen Equipe fährt bereits um 7.30 Uhr. Manchen fällt es schwer, Abschied zu nehmen, andere nehmen es cool. Sicher werden sich Einige wiedersehen und gemeinsame private Touren vereinbaren, wenn das möglich ist.
Wir starten etwas später, da unsere Busfahrer die Nachtruhe einhalten müssen. Wir nehmen die Autobahn in Richtung Osten und fahren so streckenweise parallel zu dem Jakobsweg, den wir mit den Rädern befahren hatten und können so die Landschaften, den Vegetationswandel, die Emotionen der Strecke, die Städte und Dörfer wieder abrufen.
Im Bus wird es nicht langweilig. Das umso weniger, als dass sich nach einer Tankpause an einer Autobahnraststätte etwas Ungewöhnliches ereignet. Hinter uns, ich kann nur wiedergeben, was mir aus den Gesprächen in Erinnerung geblieben ist, sollen Rauchschwaden gesichtet worden sein, ein Auto soll gebrannt haben, es soll nach Gummi gerochen haben und auch nach Pulver. Hinter uns wurde dann sogleich die Autobahn abgesperrt und die Gegenrichtung auch. Wir waren die Letzten, die vor dem Ereignis durchgekommen waren.
Die Polizei weist uns bei der nächsten Abfahrt von der Autobahn auf eine Straße, die durch Dörfchen führte. Nun ja, das wird wohl zu einer Verspätung hinsichtlich der Ankunft in Frankreich führen. Gelassen bleiben. Der Weg ist das Ziel. Teilweise ist es nicht klar, ob der Bus die Strecke passieren kann. Die Straßen in den Dörfchen sind eng, es sind Brücken zu überqueren und Tunnel zu unterqueren. Teilweise Zentimeterarbeit und Höchstleistung für unsere Busfahrer, großen Applaus dafür! Irgendwo sollen wir auch stecken geblieben sein und haben eine Möglichkeit gefunden, weiter zu fahren.
Eine jähe Unruhe im Bus lässt mich den Blick nach links wenden und da entdecke ich, es ist nicht zu glauben, Schutt, Schotter, ausgerissene Gleise, ausgerissene Schwellen, brennende Gummireifen auf den Gleisen, kaputte Schuppen und Gemäuer, und das auf Kilometern. Schnell wird uns klar, dass das Ganze irgendwie mit der seltsamen „Panne“ auf der Autobahn zusammenhängen muss, wohl zeitgleich abgelaufen und lanciert worden war. Uns wird noch mulmiger, wir sind mitten in einem der Unruheherde Spaniens und bekommen hautnah mit, was sonst in den Fernsehberichten kurz gezeigt wird. Irgendjemand findet heraus, dass es sich um einen Aufstand der Bergarbeiter gehandelt haben soll, denn dieses Gebiet war vom Bergbau gekennzeichnet, und die hohe Arbeitslosigkeit auch hier zieht dann solche Aktionen nach sich.
Wie und wann wir wieder auf die Autobahn gelangt sind, entzieht sich meiner Kenntnis, aber nach diesem dramatischeren Zwischenstück geht es problemlos weiter. Eine dienstfreie Polizistin, wohl sehr attraktiv, den Ausrufen einiger männlicher Mitfahrer nach zu urteilen, hat uns wohl den Weg gewiesen.
Nach einigen Busstunden sagt uns Zjelko in Grenznähe zu Frankreich an, dass sich links ein Stückchen Atlantik befindet, das wir kurz einsehen können. Nachmittags halten wir in Südfrankreich und machen eine schnelle Brotzeit mit leckeren Melonen, Baguettes mit Schinken, Salami und Käse.
Unsere Hochrechnungen ergeben, dass wir wohl am frühen Morgen in der Nähe von Bergerac eintreffen werden.

Die fruchtbare Gegend mit mediterraner Vegetation verlassen wir bald, um dann immer Richtung Nordosten die Autobahn quer durch Frankreich zu nehmen. Außer Wäldern und Wiesen gibt es wenig zu sehen, die Gegend ist nicht sehr bewohnt. Wir brauchen noch nicht einmal bis Paris zu fahren, Lyon brauchen wir auch nicht, und gelangen in Richtung Basel/Mulhouse, wo wir dann auf der Vogesenseite Richtung Straßburg / Stuttgart fahren.
Noch einmal werden Baguettes, Wurst und Käse ausgepackt.
In Straßburg verlassen uns Elisabeth und Helmuth. Noch einmal ein ganz herzliches Dankeschön für Euer außerordentliches Engagement! Auch unsere jungen Weltenbummler verlassen uns.
Punkt Null Uhr übergibt Gabi dem Copiloten Ewald herzliche Geburtstagsglückwünsche, ich glaube sogar, eine Kerze wird für einige Sekunden angezündet, wenn ich den Geruch richtig in Erinnerung habe. Unter den Geschenken befindet sich eine taktile Karte des Jakobswegs. Wir reihen uns in die Warteschlange ein, um Ewald zum Geburtstag zu gratulieren, während Holm spontan mit uns noch einmal den vierstimmigen Kanon „Viel Glück und viel Segen“ anstimmt.
Wir haben keinerlei Staus und fahren zügig nach Neuhausen/Filder, das wir kurz nach Mitternacht erreichen. Glücklich fallen wir in die Betten und haben noch den Sonntag, um dann nach dieser erlebnisreichen Tour wieder in den Alltag zurück zu finden. Die Eindrücke der Tour werden allerdings noch einige Zeit in uns arbeiten und sie wird uns in sehr schöner Erinnerung bleiben. Vielleicht auf ein Neues?
Buskilometer: etwa 1050










































